Gentrifizierung im Kreis 4

 Gentrifizierung im Kreis 4

An der Kreuzung Lagerstrasse Kanonengasse treffen zwei Welten aufeinander. Die modernen makellosen Fassaden der Geschäftshäuser an der Europaallee stehen im Kontrast zu den alten heruntergekommenen Bauten rund ums Kasernenareal. Die beiden Extreme verkörpern eine Veränderung die sich in den letzten 20 Jahren im Kreis 4 besonders stark bemerkbar machen. Es ist die Gentrifizierung, die dieses Bild der Gegensätze entstehen lässt. 

Gentrifizierung bezeichnet die Aufwertung eines Quartieres oder Stadtteils durch den Zuzug höherer sozialer Schichten, sogenannter Gentrifier, aber auch die Vertreibung der ursprünglichen Anwohner. Der Nährboden für die Bewegung im Kreis 4 findet sich in der Vergangenheit des Kreises. Die im Kreis ansässige und sehr durchmischte Arbeiterschicht lebte in Aussersihl zu niedrigen Preisen, dafür war die Gegend aber auch heruntergekommen und schlecht gepflegt, zusätzlich befand sich im Kreis die grosse Drogen- und Nachtszene. Die tiefen Preise machten das Viertel attraktiv für Pioniere höherer Schichten, die sich im Kreis niederliessen. Mit diesen Pionieren startete auch die stetige Aufwertung des Stadtteils. In den folgenden 20 Jahren stieg die Zahl der Gentrifier stetig. 

Heute befindet sich Aussersihl in einer fortgeschrittenen Phase der Aufwertung. Ein wichtiger Bestandteil und Aushängeschild dessen ist die Europaallee, eine am Reisbrett geplante, luxuriöse Siedlung entlang der Bahngleise, errichtet auf einem alten Bahn- und Industrieareal. Die Räumlichkeiten werden genutzt von grossen Firmen wie Googel oder Nvidia, aber auch die Gebäude der Pädagogischen Hochschule Zürich säumen die Allee. Im ganzen Kreis finden sich des weiteren viele Baustellen, die alten Häuser werden saniert und verschönert. Parks, ehemalige Schauplätze der Zürcher Drogenszene, werden nun von Familien und spielenden Kindern genutzt. Industrieareale, wie es sie im Kreis zu Haufen gibt, werden neu genutzt oder gar neu bebaut. Als Ergebnis entstehen dann die starken Kontraste aus den Elementen des alten Arbeiterkreises und den Elementen der aufgewerteten Strukturen.

Die Gentrifizierung bringt den Anwohnern im Kreis 4 also eine Aufwertung des Umfeldes und neue Arbeitsstellen. Der negative Effekt dessen sind jedoch rasant steigende Mieten. Heute sind die Mieten im Kreis 4 kaum zu unterscheiden von denen im restlichen Zürich, wo der Kreis doch früher lange einer der günstigen Wohnorte der Stadt gewesen war. Diese Entwicklung führt zur Vertreibung vieler langzeitiger Einwohner Aussersihls. Der lange so diverse Kreis entmischt sich folglich mit der fortschreitenden Gentrifizierung stetig. Der ursprüngliche Kreis verschwindet langsam, der von den Pionieren noch hoch geschätzte Charme geht immer mehr verloren.

Da diese Entwicklung vielen Einwohnern zu viel wird und die negativen Seiten überwiegen, gibt es im Kreis eine grosse politische Gegenbewegung. Sie fordert staatliche Mietobergrenzen und weitere Regulierungen. Diese Bewegung macht im ganzen Kreis mit Aufklebern, Graffiti und Plakaten auf sich aufmerksam. Auch im politischen Diskurs des Stadtrates ist das Thema allgegenwärtig. Bereits heute gibt es im Kreis viele Wohngenossenschaften als Reaktion auf die steigenden Mieten. 
Der Kreis 4 ist ein gutes Beispiel für den Prozess der Gentrifizierung. Streift man nun mit offenen Augen durch den Kreis und hat dabei ein Augenmerk auf die eben genannten Aspekte des Prozesses, die im schier unzählbaren Masse zu finden sind, dann wird dieser Streifzug zu einem äusserst lehrreichen und interessanten!


Gentrifizierung im Kreis 4: Kontraste einer Entwicklung - Eine Bilderserie



Europaallee trifft auf alte Gebäude des Kreises.

Dieser Mülleimer in der Bäckeranlage ist ein Hinweis auf die Drogenszene des Kreises -  In Verbindung mit einem aktuellen Thema.

Hier trennt ein Zaun den Park von einem Schulgebäude - der Park war lange Teil der Zürcher Drogenszene.

Renovierte, schicke Fassaden in direkter Nachbarschaft zu heruntergekommenen Häusern.

Kleine Kinder spielen in einer Strasse voller Graffiti.

Die Schule ist gut geschützt vor ihrem Umfeld - Wie gefährlich ist es hier?

Mülltonnen voller Graffiti und mit vielen leeren Flaschen Alkohol nahe der Langstrasse.

Love is Love - Diversität ist wichtig im Kreis 4.

Eine Baustelle im Vordergrund, im Hintergrund ein neues modernes Haus.

Ein Aufkleber fordert den Mietendeckel.

Kommentare

  1. Guter Text mit passenden Bildern dazu... Sie haben einen guten Blick für die kleinen Dinge!

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